Hier eine Kopie des Briefs von Dieter Hilser (MdL, Vorsitzender der SPD Essen) aus dem RWE-Forum. Dieser Brief wurde auf Anfrage an verschiedene RWE-Fans geschickt.
Sehr geehrter XXX,
vielen Dank für Ihre Mail, die ich sogar gerne beantworte. Als langjähriges Mitglied von Rot-Weiss Essen bedaure ich die Situation des Vereins ebenso wie Sie!
Die Ursachen für die verfahrene Situation um den Verein und das Stadion sehe ich allerdings nicht beim Oberbürgermeister und auch nicht bei der SPD, sondern hauptsächlich im Verein selbst. Herr Paß hat der Vereinsführung schon im September 2009 die Karten auf den Tisch gelegt. Die Stadt hatte letztmalig einen Zuschuss zum Spielbetrieb in Höhe von 1,4 Mio € in Aussicht gestellt. Herr Paß hat schon damals betont, dass es aufgrund der finanziellen Situation nicht mehr möglich sein würde, mehr Geld bereit zu stellen und dass der Verein seine Ausgabenstruktur zukünftig den Einnahmen anpassen muss.
Die Stadt Essen ist momentan mit ca. 3 Milliarden € verschuldet und alle Ausgaben werden vom Regierungspräsidenten untersucht und ggf. auch gestoppt, wenn Sie nicht verpflichtend nötig sind. Der Spielbetrieb eines Vereins gehört nicht zu den so genannten Pflichtaufgaben einer Stadt.
Also ist das Gegenteil Ihrer Annahme der Fall: Herr Paß darf gar kein städtisches Geld mehr für den Spielbetrieb eines Fußballvereins investieren, schon gar nicht zusätzliche Summen, die binnen weniger Tage überraschend gefordert werden. Bitte beachten Sie auch, dass ein Oberbürgermeister das Wohl der ganzen Stadt im Auge haben muss. In Zeiten wo darum gestritten wird, ob Schulmilch mit Geschmack noch finanziell darstellbar ist, fällt da die Unterstützung eines dauerhaft durch Missmanagement in Schieflage geratenen Vereins nicht leicht. Dennoch hat Herr Paß sich ja deutlich zum Verein bekannt, wenn die Verantwortlichen, die den Verein in die jüngste Krise geführt haben, Platz machen für einen Neuanfang. Aufgrund der für die Stadt nicht darstellbaren Summe, bleibt leider nur eine Rettung in die fünfte Liga, was wir alle sehr bedauern und an einer Lösung aktiv mitarbeiten werden.
Sowohl Herr Paß als auch wir anderen Sozialdemokraten wissen sehr wohl um die Bedeutung von Rot-Weiss Essen für den Essener Norden als Identifikationspunkt, als Anlaufstelle und einen Ort hervorragender Nachwuchs- und Sozialarbeit. Das alles möchten und werden wir erhalten. Auch und gerade in unserer Mitte gibt es viele Vereinsmitglieder und Fans, die die Situation dieses unverzichtbaren Traditionsvereins sehr bedauern.
Herr XXX, es geht in Wahlperioden glücklicherweise nicht immer nur um die kurzfristige Zustimmung aller Wähler. Wenn das immer so wäre, gäbe es keine Entscheidungen mehr, weil sich die Bevölkerung selten komplett einig ist über Entscheidungen. In diesen Tagen erhalten wir auch viele Zuschriften, in denen ein „weiter so“ zu lesen ist, weil die Verfasser glauben, wir wollen uns ganz von Verein und Stadion abwenden. Das ist nicht so aber Sie sollten auch im Auge haben, dass viele Essener Bürger anders denken in dieser Frage. Wenn wir da nur auf kurzfristige Zustimmung schauen würden, wären wir nicht mehr handlungsfähig und könnten unserer politischen Verantwortung nicht mehr gerecht werden.
Vielleicht noch einige Worte zum Stadion: Das Thema Stadion bitte ich sie getrennt vom Verein zu betrachten. Wir stehen zu unserer Forderung, dass wir in Essen ein neues Stadion brauchen. Da der Beitrag der Sponsoren bei diesen Rahmenbedingungen nicht hoch sein wird, sollten wir mit dem Geld arbeiten, das die Stadt alleine mobilisieren kann. Hierzu gibt es neben dem Erlös aus dem Handelshofverkauf noch den gültigen Ratsbeschluss über 7,5 Mio €, der allerdings noch vom Regierungspräsidenten freigegeben werden muss. Was den Ort und die Größe betrifft, müssen jetzt alle Möglichkeiten noch mal auf den Prüfstand. Ein Stadion, das in der ersten Ausbaustufe über 30 Mio € kostet,
werden wir nicht stemmen können.
In diesem Sinne bitte ich Sie in diesen ereignisreichen Wochen für Ihr Verständnis. Es ist nicht leicht für uns, zwischen den verschiedensten Interessen zu moderieren und bei einem notwendigen Neuanfang für den Verein nicht gute Strukturen zu zerschlagen. Auch die Umsetzung des Stadionbaus gestaltet sich unter ständig veränderten Voraussetzungen nicht als Selbstläufer. Wir werden es nicht allen Recht machen können, sehen uns aber bezüglich eines harten Neuanfangs für den Verein und einem Stadionbau im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Stadt auf einem guten Weg. Bitte begleiten Sie uns auf diesem Weg kritisch, aber auch fair.
Die SPD hat sich von jeher immer für Rot-Weiss Essen eingesetzt und auch für ein Stadion. Wo Menschen Politik machen, geht nicht immer alles glatt und leider kann man auch nicht immer direkt alles umsetzen, was man sich vorgenommen hat. Wir stehen weiter zum Verein in den möglichen Grenzen und natürlich auch zum Stadionbau, wie er leistbar ist.
Mit freundlichen Grüßen
Dieter Hilser (MdL, Vorsitzender der SPD Essen)